Für immer Jogan

Seit vielen Jahren habe ich das Glück in einer RPG (Role-playing Game) Gruppe mit RSCT Mitgliedern ca. alle 1-2 Wochen verschiedene Abenteuer erleben zu dürfen. Als Rollenspieler bin ich ein Spätberufener, den Einstig habe ich über sogenannte Ameritrash Brettspiele gefunden, also Brettspiele, die meist sehr glückslastig sind, aber im Gegensatz zu den üblichen Eurogames viel Wert auf Atmosphäre, Hintergrund und auch Story legen. Und irgendwann vor etwa 10 Jahren, habe ich dann den Sprung ins Wasser gewagt und mit einigen aus meiner damaligen „normalen Spielgruppe“ die Welt des Cthulhu RPG betreten. Cthulhu, weil  mich die unheimlichen Geschichten des H.P. Lovecraft schon lange angezogen haben und weil das RPG viel Wert auf die Erzählung und weniger auf die Regeln legt. Aus zwei Gründen war ich damals quasi ausschließlich als SL, also Spielleiter, unterwegs: 1. Nur als SL spielt man das System welches man am liebsten mag und 2. die anderen scheuten einfach die Mühe des Vorbereitens. Con-Gänger, abgesehen von wenigen Teck-Cons, war ich eigentlich nie und so dauerte es noch eine Weile bis zu meiner Mitgliedschaft beim RSCT, bis ich regelmäßig als Spieler meine Chars (Rollenspielcharaktere) erstellen konnte.

Eingangs erwähnte Gruppe bot mir diese Chance und was ich damals noch nicht ahnen konnte, dies wurde zu einem Fluch über die Jahre. Fluch? Oder doch eher ein Segen? Ich schwanke.

Schnell bemerkte ich einen wesentlichen Unterschied zu den anderen Mitgliedern der Gruppe. Während eigentlich alle meist darum bemüht sind, ihre Chars als strahlende Helden, Ritter und dergleichen aufzubauen, steh ich eher auf das irgendwie andere. Nicht, dass meine Chars nicht auch mal die Welt retten wollen…Nein Hin- und Wieder wollen sie das auch, oder manchmal müssen sie das, um eigene Ziele, die vielleicht gar nicht so strahlend sind, zu erreichen. Kurz: Ich bzw. meine Chars sind anders. Manchmal sind sie nur allzu gewöhnlich, Menschen oder Wesen, die aufgrund bestimmter  Umstände in ein vorgegebenes Szenario geworfen werden. Sie haben Schwächen, sind nicht nur gut, manchmal sind sie böse. Und am Ende sind sie Jogan. Immer!

Jogan entwickelte sich als unscheinbarer Soldat in einer  der üblichen mittelalterlichen Fantasywelten. Vom SL gab es einige wenige Vorabinformationen, die Rasse, die Herkunft  war einigermaßen vorgegeben,  adlig und doch Bastard, die Mutter bei der Geburt verstorben oder gar getötet vom Ehemann, der wohl nicht Jogan´s leiblicher Vater war oder anders herum. Eigentlich eine Ausgangsbasis, wie für mich geschaffen. Durch irgendwelche Umstände blieb Jogan eines Tages etwas länger seiner Einheit fern und traf auf eine Gruppe von Abenteuern, die ihn misstrauisch, aber nach SL´s Willen in ihre Gemeinschaft aufnehmen mussten. Von Anfang an, hatte Jogan es schwer sich unter den anderen zu behaupten. Von Gemeinschaft, gar Freundschaft konnte keine Rede sein. Für voll wurde er nicht genommen, Jogan wurde nur allzu oft zum Gegenstand blöder Sprüche und fauler Witze am abendlichen Lagerfeuer.  Die anderen hatten Spaß, Jogan nicht.

Es kam wie es eigentlich kommen musste: Jogan versuchte sich zu behaupten, scheiterte und wurde nun erst Recht weiter abgestraft. Und er machte Fehler, teilweise weil er eben war wie er war und teilweise weil sein Spieler, also ich, im unpassenden Moment ihm falsche Worte in den Mund legte. Jogan war von Beginn an ein Außenseiter und er wurde mehr und mehr eigenbrötlerisch, versuchte sich abzusondern, einen eigenen Weg zu finden. Aber das ist in einer Fantasywelt, wo es vor allerlei Schlechtem nur so wimmelt, eine weitere falsche Entscheidung, denn nur in der Gruppe kann man bestehen.  Irgendwann kam der Zeitpunkt, als er nach einer  natürlich falschen Entscheidung ein Auge verlor und die anderen lachten. Sie lachten über ein fatales Missgeschick, dass doch einen der ihren befallen hatte. Einer der ihren? Jogan war niemals einer der ihren, fortan war er der Aussätzige und seine weiteren Fehlschläge wurden gleichsam erwartet wie auch bejubelt.

Jogan und Vize hatten längst keine Chance mehr das Rad in eine andere Richtung laufen zu lassen. Eines Tages wollte Vize nicht mehr und er ließ Jogan einen völlig unnötigen Tod sterben und selbst diese sinnlose Tat, wurde noch bejubelt.

Aber Jogan war gar nicht tot, er war längst zu etwas viel Größerem geworden, er war längst auf spezielle Art und Weise lebendig geworden. Jogan wurde zu Vize und Vize wurde zu Jogan. Ich bezweifele, dass über irgendwelchen Char, mehr gesprochen wurde und wird als über die Nicht-Heldentaten des Jogan.

Und eigentlich könnte ich stolz darauf sein. Eigentlich…

In Wahrheit war Jogan ein erbärmlicher Versager und nunmehr wird bis zum heutigen Tag jeder meiner Chars mit Jogan verglichen. Kürzlich machte das Wort „joganesk“ die Runde, um auszudrücken wie unglaublich dumm eine bestimmte Verhaltensweise sei.

In Wahrheit, steckt viel Vize in Jogan und darum tut das alles weh. Ja! Echt jetzt!

Jogan ist tot, lang lebe Jogan!

2 Gedanken zu “Für immer Jogan

  1. Ich muss mich mal outen: Ich habe Jogan getötet! Und ich hab ihm auch ein Auge auspicken lassen. Letzteres würde ich jederzeit wieder tun, denn er hat die Götter versucht, nicht nur ein mal, sondern sechs mal, und ohne echte Not. Aber sein doch recht ruhmloser Tod war schade. Nicht unverdient, aber schade und irgendwie Verschwendung. Damit könnte die Geschichte enden, aber wie Vize schreibt: In jedem unserer Charaktere steckt auch was von uns selbst – mal mehr (wie hier), mal weniger (wenn man irgendwann den x-ten Charakter gespielt hat).
    Daher sollte man Jogans gepeinigte Seele nun in Frieden ruhen lassen, um endlich Platz für wirklich neue Charaktere zu schaffen. Er hatte genug zu leiden – unter seinen barbarischen Gefährten, unter den Unbillen eines komplexen Abenteuers, dessen verwirrter Späteinsteiger er war, aber auch unter seinem Spieler. RIP Jogan.

    Und danke für den Beitrag, Vize!

  2. Ja, Jogan…!
    Er wird niemals vergessen werden, soviel ist sicher!
    Und das ist gut so!
    Und sehe es immer mit einem lachenden Auge, das weinende ist ja nicht mehr da… 😉
    Und denke daran: Es ist nie persönlich gemeint, ich mag Dich, wie Du bist und auch Jogan!
    Und er hat seinen Platz in der Welt verdient!

    Genauso wie meine Charaktere: z.B. Kulsar (der Schrecken aller Topfhändler), Donshyl (der nerdige Kartograph, der gar keine Abenteuer erleben wollte), Heather/Roxy (die sexy Bardin auf der Suche nach der großen Liebe), Lady Harantil (die nicht mit Analphabeten in ihrer Gruppe rechnet), Ray Gedney (Militär-Pilot in der Antarktis), …
    Alles lieb gewonnene Charaktere mit Macken, Ticks und Stärken, fast immer begründet in einer Background-Geschichte, dies macht sie erst liebenswert und richtig spielbar.

    Vielleicht hat dies einfach Jogan gefehlt: Werte, Familie, Erziehung… eben ein bisheriger Lebensweg.
    Für mich unverzichtbar und immer ein Highlight im Rollenspiel und vor allem in der Charakter-Geburt für eine Kampagne!
    Nicht zu viel selbst, immer ein Schuss Wunsch und Wirklichkeit gepaart mit Träumerei – dann wird es ein Charakter mit Charakter!

    Lang lebe die Königin – Heilig, heilig, heilig!

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